Jüdisches Friedhof Lübeck - Moisling
Die jüdischen Friedhöfe Lübecks
Aus dem Buch Albrecht Schreiber
Über Zeit und Ewigkeit
Die jüdischen Friedhöfe Lübecks
Kleine Hefte zur Stadtgeschichte
Herausgeben vom Archiv der Hansestadt Lübeck HEFT 4
Zur Einführung
Daß die jüdischen Friedhöfe hierzulande in jüngster Zeit stärker ins Bewußtsein der Öffentlichkeit geraten sind, ist eine Folge der Zeitläufe: Sie, die auf ewig angelegten Gottesäcker, sind nach den Ereignissen während des Nationalsozialismus’, die hier nicht näher erläutert zu werden brauchen, die flächendeckend einzig übriggebliebenen Zeugnisse des einst reichen und fruchtbaren jüdischen Lebens in Deutschland. Auf ebenso erklärliche, wie andererseits fast wundersam erscheinende Weise sind sie weitgehend der Zerstörung und Vernichtung entgangen.
Das gilt auch für den Friedhof der einstigen Israelitischen Gemeinde zu Lübeck in Moisling.
Dieses in der jüdischen Religion „Haus des Lebens“ genannte, von der Außenwelt nahezu abgeschlossene beeindruckende Stück Erde ist sowohl ein Ort der Sepulkralkultur von unbeschreibbarem Wert als auch eine ergiebige lokalhistorische Quelle.
„Im zweiten der insgesamt neun Vorträge von Rabbiner Dr. Salomon Carlebach (1845–1919) über die „Geschichte der Juden in Lübeck und Moisling“, gehalten zwischen 1890 und 1898 in dem „Jünglings-Verein (Chevras Haschkomoh) zu Lübeck“, veröffentlicht 1898, erwähnt der Referent den Friedhof in Moisling lediglich in einem Absatz.
Ähnlich verhält es sich mit der „Geschichte der jüdischen Gemeinde in Moisling/Lübeck“ des letzten Rabbiners der Hansestadt, Dr. David Alexander Winter (1878–1953), erarbeitet zwischen 1928 und 1933; herausgekommen 1968.
Schon Carlebach notierte, daß die Beerdigungsbrüderschaft der jüdischen Gemeinde, die Chewra Kadischa, deren Entstehung er weit vor das Jahr der ersten nachgewiesenen Bestattung im Jahre 1724 datierte.
Über die etwa 70 Jahre davor – der Friedhof in Moisling dürfte um 1650 entstanden sein – gab es schon damals keine Aufzeichnungen; sollte es danach bis in die jüngste Geschichte hinein entsprechende Niederschriften gegeben haben, so dürften sie heute höchstwahrscheinlich in einem Archiv in Israel lagern.
Einem größeren Publikum mag der jüdische Friedhof Moisling erstmals 1910 zugänglich gemacht worden sein.
Im Jahre 1930 unternahm Winter dann die verdienstvolle Arbeit, von dem Friedhof in Moisling einen Belegungsplan anzufertigen. Er existiert heute noch. Wenn auch auf ihm die Bestattungen danach nicht mehr verzeichnet wurden oder werden konnten, so ist dieser Plan doch die einzige den Verhältnissen entsprechend verläßliche Unterlage zur Identifizierung der etwa tausend gekennzeichneten Grabstellen auf diesem Friedhof.
Als letzte Arbeit, die Winter hierzu hinterlassen hat und die zugleich auch die ausführlichste Darstellung dieser Thematik ist, ist der Aufsatz „Der jüdische Friedhof in Moisling und Lübeck“ aus dem Jahre 1936 zu nennen.“
„Der in den 60er Jahren gelegentlich in Lübeck amtierende, aus Münster stammende Vorbeter Dr. Zwi Sofer hat während seiner Aufenthalt in Lübeck häufig den Friedhof in Moisling aufgesucht. Dabei hat er dort 568 Grabsteine fotografiert und deren hebräische Inschriften handschriftlich notiert.
Nach dem Tode Sofers wurden diese Fotografien der Vaterstädtischen Gesellschaft zu Lübeck angeboten. Aus der durch die Verfolgung während der NS-Diktatur heraus empfundenen Solidarität stifteten die Freimaurer von der Lübecker Johannis-Loge „Zum Füllhorn“ den Betrag zum Ankauf; daraufhin gingen die Fotos in den Besitz des St.-Annen-Museums über.
Dank der Großzügigkeit der „Gemeinnützigen“ und ihres ebenso mutigen wie zeitkritischen Direktors Christoph Deecke konnten die Inschriften der Steine sodann vom Fachbereich 1 – Lehrgebiet Judaistik – der Universität/Gesamthochschule Duisburg (Prof. Dr. Michael Brocke) dechiffriert werden.“
Lübeck/Hamburg/Rhauderfehn (Ostfriesland), im August 1988
Albrecht Schreiber
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